Vom Diagnosenausverkauf
- Setzen Sie nicht temporäre Empfindlichkeitsschwankungen mit schweren psychischen Störungen gleich!
- Wenn Sie ein paar Wochen lang schlecht gelaunt und gedrückter Stimmung sind, muss das noch lange keine schwere Depression bedeuten.
- Sie haben in letzter Zeit wirklich viel geleistet und fühlen sich körperlich und seelisch erschöpft? Bevor Sie sich selbst davon überzeugen, in einem massiven Burnout zu stecken, versuchen Sie die einfachen Varianten: Urlaub mit digital detox, mindestens drei Wochen am Stück. Überprüfen Sie Ihre sozialen Kontakte und Ihre Partnerschaft: hilfreich oder kräftezehrend? Denken Sie an gesunde Ernährung, Bewegung/Sport, Entspannungsmethoden, Tätigkeiten, die Ihnen normalerweise Freude bereiten und die derzeit ins Hintertreffen gekommen sind. Versuchen Sie, Ihre Balance wieder zu finden. Überprüfen Sie, ob sich Ihr Schlafrhythmus währenddessen normalisiert. Wenn ja, identifizieren Sie – durchaus mit professioneller Hilfe, wenn nötig, – die Auslöser Ihres schlechten Zustandes und ändern Sie diese. Das können Arbeitsbedingungen, Lebenshaltungen und/oder toxische Beziehungen jeder Art sein.
- Ein/e Bekannter/Familienangehörige/r ist selbstverliebt, stellt sich immer in den Mittelpunkt, reißt alle Gespräche an sich und hat das Bedürfnis, überall zu berichten, wie toll er ist und was er /sie alles geschafft/erlebt hat? Für eine Narzissmus-Diagnose ist das nicht ausreichend. Vielleicht handelt es sich um einen Menschen, mit dem Sie schlicht nicht können / der Ihnen auf die Nerven geht. Statt sich dauerhaft zu ärgern, können Sie Kontakte auch auf das notwendigste beschränken oder abbrechen.
- In Ihrem Umfeld häufen sich – auch bei Erwachsenen – plötzliche Ausbrüche von ADS, ADHS und Autismus? Die Diagnosen werden oft von Betroffenen selbst gestellt mit Hilfe von Tests im Internet, die etwa das Niveau von Tests in Boulevardzeitungen haben und keinesfalls strengen Testkriterien entsprechen (vgl. Testtheorie und Testkonstruktion, statistische Grundlagen, Objektivität, Validität, Reliabilität). Viele Menschen fühlen sich besser, wenn Sie für ein unklares, unangenehmes Zustandsbild und schwierige Persönlichkeitseigenschaften bei sich selbst eine Art Diagnose haben und hoffen, ihr Heil in der entsprechenden Chemie zu finden. Das ist vielfach einfacher, als zu versuchen, sich mit eigenen ungeliebten Eigenschaften abzufinden oder sie zu modifizieren; oder aber auch, das soziale Umfeld entsprechend neu zu strukturieren.